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Masernimpfung und SSPE

Eine Stellungnahme von Dr. med. Christoph Tautz ,Leitender Kinderarzt, Kinderklinik am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

 

Durch die aktuellen Berichte über einen sechsjährigen Jungen mit SSPE (Subakute Sklerosierende Panencephalitis) erhielt die Diskussion über die Masern und das Pro- und Kontra der Masernimpfung neue Nahrung.

Das Kind aus der Nähe von Bielefeld hatte sich vor ca. fünf Jahren im Alter von fünf Monaten in einer Kinderarztpraxis bei einem nicht geimpften Kind mit Masern angesteckt und entwickelte Ende des Jahres 2004 die ersten Symptome einer Encephalitis, die als SSPE diagnostiziert werden musste. Seither verschlechterte sich der Zustand des Jungen kontinuierlich.

Die Frage nach der Häufigkeit dieser fatalen Komplikation der Masern ist nicht sicher beantwortbar.  Man ging bisher von 1 bis 5 SSPE-Erkrankungen pro 1 Million Masernfälle aus. Im Rahmen einer neuerlichen Studie am Institut für Virologie der Universität Würzburg wurden allerdings 5 bis 10 Fälle pro Jahr, seit 1988 insgesamt 120 Fälle, diagnostiziert. Wie häufig dieses Ereignis jedoch, bezogen auf die Zahl an Masernerkrankten tatsächlich auftritt, kann nicht entschieden werden, da es bis zum Jahre 2000 keine Meldepflicht für Masern gab und daher die Gesamtzahl an Masernerkrankten in der Bundesrepublik nicht bekannt ist.

Nicht nur diese Fragen bleiben unklar. Auch die Frage nach den Ursachen der SSPE ist bislang nicht beantwortet. Warum sich angeblich die Viren im Gehirn festsetzen und dort das Nervengewebe bei manchen Menschen zerstören und bei den meisten nicht, ist bisher nicht schlüssig geklärt. Klar scheint nur zu sein, dass die Wahrscheinlichkeit einer SSPE umso größer ist, je jünger die an Masern erkrankten Kinder sind.

Bezüglich der vermuteten Zunahme an SSPE-Erkrankungen ist zu fragen, ob diese nicht direkt oder indirekt in Zusammenhang mit der empfohlenen Impfstrategie zu sehen ist.

Denn mit der Zunahme an applizierten Masernimpfdosen müsste die Zahl an Komplikationen und damit auch an SSPE-Fällen zurückgehen und nicht zunehmen, wie aus Würzburg berichtet.

Es stellt sich die Frage für den oben genannten Jungen: Wie hätte er als Säugling geschützt werden können?

Zum einen war er für eine Impfung mit fünf Monaten noch zu jung, insofern hätte allenfalls ein bestehender „Nestschutz“ durch Antikörper der Mutter ihn vor der SSPE bewahren können. Dazu hätte sie aber als Kind Masern durchmachen müssen. Wenn aber die Mutter als Kleinkind gegen Masern geimpft wurde und keine Chance hatte, durch einen Wildvirenkontakt ihren Impfschutz zu boostern, konnte sie auch als Erwachsene ihrem Neugeborenen keinen Nestschutz vermitteln. Insofern könnte die Infektion des Säuglings mit Masern und seine spätere Erkrankung an SSPE eine indirekte Folge der Masernimpfung der Mutter und damit der allgemeinen Impfstrategie sein.

Zum anderen wäre eine Ansteckung dann zu vermeiden gewesen, wenn es durch eine Impfung nicht zu einer Masernerkrankung bei dem größeren Kind gekommen wäre. Es bleibt in den Berichten unklar, ob dieses Kind geimpft war und z.B. als Impfversager trotzdem Masern entwickelte. Oder ob es Gründe gab z.B. wegen eines Antikörpermangelsyndroms oder einer schweren Neurodermitis das Kind nicht zu impfen.

Nun wird immer propagiert, dass allein eine Impfung vor einer möglichen SSPE schützen könne. Allerdings tritt auch bei Geimpften, wenn auch seltener, diese gefürchtete Komplikation auf. Zudem wird vermutet, dass möglicherweise Kinder, die unerkannt schon Masern durchgemacht haben und trotzdem geimpft wurden (- und dies dann empfohlenermaßen zweimal! -), besonders disponiert und gefährdet sind, später eine SSPE zu entwickeln. (1)

Auch die Aussage, dass durch konsequente Massenimpfungen die Masern ausgerottet werden können, stellt sich mehr als fragwürdig dar, da eine 90 bis 95 %-ige Durchimpfungsrate, wie sie die heutige Impfstrategie fordert, bei ca. 10 % primären und 5 bis 10 % sekundären Impfversagern nicht erreichbar erscheint. Insofern ist zu befürchten, dass es eine immer größere Rate an nicht immunen Erwachsenen geben wird, die bei einer Maserninfektion eine erheblich größere Komplikationsrate erwarten lassen, als Kleinkinder.

Vor dem Hintergrund dieser komplexen Situation ist eine umfängliche und transparente Beratung anzustreben, deren Ziel weiterhin der individuelle Impfentscheid bleiben muß als Ausdruck der Selbstverantwortung und der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

 

Dr. med. Christoph Tautz

Leitender Kinderarzt

Kinderklinik am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

 
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