Autor Thema: Kranker-Teurer-Patient  (Gelesen 3370 mal)

Offline holzwuermle

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Kranker-Teurer-Patient
« am: 19. Dezember 2016, 09:19:46 »
Dummheit ist nicht wenig wissen, auch nicht wenig wissen wollen, Dummheit ist, glauben genug zu wissen.


Offline ?!

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Re: Kranker-Teurer-Patient
« Antwort #1 am: 19. Dezember 2016, 16:21:22 »
Hallo miteinander,

der von holzwuermle verlinkte Bericht befasst sich über weite Strecken mit dem noch immer relativ neuen Wirkstoff Sofosbuvir zur Therapie der Infektion mit dem Hepatitis C Virus. Der Autor René Gräber bemängelt darin, dass die außergewöhnlich hohen Kosten für die Behandlung eines Patienten nicht durch eine ausreichend qualifizierte Studienlage untermauert seien: "Aber bei solch hohen Preisen kann man doch als Kunde, sprich Patient, eine Studienlage erwarten, wo durch prospektive, randomisierte, doppelblinde, Placebo kontrollierte Studien die Sicherheit und Effektivität der Substanz nachgewiesen worden ist." Er stützt seine These der schlechten Studienlage durch die Angabe einer Meta-Analyse aus 2016, in die 264 Patienten mit hochgradiger Niereninsuffizienz eingeschlossen wurden.

Dabei erweckt er sehr leicht den Eindruck, als seien dies alle zum Thema verfügbaren Daten.

Entweder wurde hier von ihm katastrophal schlecht recherchiert oder es wurde vorsätzlich auf die vollständige Nennung der Zulassungsstudien verzichtet. Schwer zu sagen, was die schlimmere Variante darstellt. Allein in der Übersichtsarbeit von Bhatia et al. Sofosbuvir: A novel treatment option for chronic hepatitis C infection. J Pharmacol Pharmacother. 2014 Oct-Dec; 5(4): 278–284. werden eine Phase I Studie, acht Phase II Studien und vier Phase III Studien mit insgesamt mehreren Tausend Patienten aufgeführt. Ich hätte in seinem Bericht zumindest einen Hinweis darauf erwartet.

Hinsichtlich der Verträglichkeit von Sofosbuvir kommt Herr Gräber im weiteren Verlauf zu der Einschätzung, dass eine symptomabhängige Nebenwirkungsrate von Sofosbuvir von 10 bis 35% untragbar sei. Leider äußert er sich nicht zu den Alternativen ... Dies scheint mir daher ebenfalls eine sehr oberflächliche Betrachtung der Sachlage zu sein. Welche Nebenwirkungsrate (und vor allem: welche Erfolgsrate) ist denn bei der bisherigen Behandlung z.B. mit Ribavirin zu erwarten? Welche Genotypen sind denn überhaupt schulmedizinisch alternativ behandelbar? Und welche Konsequenzen ergeben sich für Betroffene, wenn die Infektion ausschließlich alternativmedizinisch oder gar nicht behandelt wird und einen chronischen Verlauf nimmt? Ist eine Rate von 35% Kopfschmerzen im Rahmen der Behandlung nicht vielleicht sogar noch wenig angesichts der Aussicht auf ein Leben ohne die Entstehung von Leberkrebs durch HCV? Auf solche Fragen gibt Herr Gräber keine Antworten. Schade, denn sie sind für ein Gesamtbild der Situation doch eigentlich unverzichtbar.

Man kann durchaus die Preispolitik des Herstellers von Sofosbuvir kritisch beäugen. Ob durch die Kosten für die Entwicklung einer solchen Substanz Behandlungskosten in Höhe von ca. €50.000 pro Patient gerechtfertigt sind, darf gerne bezweifelt werden. Aber eine etwas differenziertere Auseinandersetzung mit den Hintergründen als es auf der verlinkten Seite erfolgt ist, erscheint mir schon angebracht.

Beste Grüße
?!

Offline holzwuermle

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Re: Kranker-Teurer-Patient
« Antwort #2 am: 20. Dezember 2016, 07:46:45 »
Danke für Ihre Meinung zu diesem Artikel.
Doch leider ist er symptomatisch für vieles was es in der "ach so schönen Medizinwelt" gibt.
Und wie immer ist es leider die gezielte uninformierte breite Masse der Menschen.
Leider werden die Info bewusst verschleiert. Und wenn da dann jemand wie Herr Gräber kommt wird er als Dilettant dargestellt.
Er stützt seine These der schlechten Studienlage durch die Angabe einer Meta-Analyse aus 2016, in die 264 Patienten mit hochgradiger Niereninsuffizienz eingeschlossen wurden.
Dabei erweckt er sehr leicht den Eindruck, als seien dies alle zum Thema verfügbaren Daten.
Entweder wurde hier von ihm katastrophal schlecht recherchiert oder es wurde vorsätzlich auf die vollständige Nennung der Zulassungsstudien verzichtet. Schwer zu sagen, was die schlimmere Variante darstellt. Allein in der Übersichtsarbeit von Bhatia et al. Sofosbuvir: A novel treatment option for chronic hepatitis C infection. J Pharmacol Pharmacother. 2014 Oct-Dec; 5(4): 278–284. werden eine Phase I Studie, acht Phase II Studien und vier Phase III Studien mit insgesamt mehreren Tausend Patienten aufgeführt. Ich hätte in seinem Bericht zumindest einen Hinweis darauf erwartet.
Hinsichtlich der Verträglichkeit von Sofosbuvir kommt Herr Gräber im weiteren Verlauf zu der Einschätzung, dass eine symptomabhängige Nebenwirkungsrate von Sofosbuvir von 10 bis 35% untragbar sei. Leider äußert er sich nicht zu den Alternativen ... Dies scheint mir daher ebenfalls eine sehr oberflächliche Betrachtung der Sachlage zu sein. Welche Nebenwirkungsrate (und vor allem: welche Erfolgsrate) ist denn bei der bisherigen Behandlung z.B. mit Ribavirin zu erwarten? Welche Genotypen sind denn überhaupt schulmedizinisch alternativ behandelbar? Und welche Konsequenzen ergeben sich für Betroffene, wenn die Infektion ausschließlich alternativmedizinisch oder gar nicht behandelt wird und einen chronischen Verlauf nimmt? Ist eine Rate von 35% Kopfschmerzen im Rahmen der Behandlung nicht vielleicht sogar noch wenig angesichts der Aussicht auf ein Leben ohne die Entstehung von Leberkrebs durch HCV? Auf solche Fragen gibt Herr Gräber keine Antworten. Schade, denn sie sind für ein Gesamtbild der Situation doch eigentlich unverzichtbar.
Dummheit ist nicht wenig wissen, auch nicht wenig wissen wollen, Dummheit ist, glauben genug zu wissen.

 

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